Geschichte des Tees:

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China:

Über 3 000 Jahre lang beschränkte sich die Geschichte des Tees auf China. Diese Ausschliesslichkeit hatte einen einfachen Grund: Man kannte bis dahin nur wildwachsende Teesträucher in China. Nach seiner Entdeckung war der Tee bei den Chinesen in erster Linie als Heilmittel bekannt. Es hiess, dass er die Sehkraft des Alters verbessere, Müdigkeit und Kopfschmerzen vertreibe. Auch Salben wurden aus Tee hergestellt, sie sollten Rheuma lindern.

Eine Phase der Teeproduktion:
Das Aussieben der verschie-
denen Blattgrössen.

Es dauerte ein paar Jahrhunderte, bis die Vielfalt aller Verwendungsmöglichkeiten des Tees erkannt war. Zu Zeiten des grossen Gelehrten Laotse, also 400 Jahre v. Chr., kam der Tee als Genussmittel allmählich in Mode. Damals war es bereits Sitte, Gästen Tee anzubieten. Aber erst in der Zeit der Ming-Dynastie (1368-1644) brühte man die Blätter so auf, wie wir es heute kennen.

Die Wirkungen des Tees wurden von Dichtern mystifiziert und verherrlicht, und sogar Kaiser rühmten das Getränk mit dem gewissen »geistigen Extra«: Kaiser Hui Tsung verfasste im 11. Jahrhundert eine »Abhandlung über den Tee«, in der er ihm eine befreiende Wirkung auf Körper und Geist bescheinigte und ihn als Mittel feierte, das zur Glückseligkeit führen könne. Und für den im achten Jahrhundert geborenen taoistischen Dichter Lo Tung war Tee sogar ein Rauschmittel, wenn er in reichlichen Mengen genossen wurde.

Er behauptete, dass er nach der siebten Tasse Tee durch das Elysium schwebe. Die buddhistischen Mönche schätzten den Tee als Energiespender nach einer kräftezehrenden Meditation. Dies veranschaulicht eine weitere Legende über die Entdeckung des Tees: Im 6. Jahrhundert n. Chr. soll Bodhidarma, dritter Sohn des indischen Königs Kaisawo und erster Missionar des Buddhismus in China, neun Jahre vor einer Felswand meditiert haben. Als er dabei vor Müdigkeit einschlief, sei er bei seinem Erwachen so zornig über diese menschliche Schwäche gewesen, dass er sich beide Augenlider abschnitt und sie auf die Erde warf.

Sie schlugen Wurzeln und aus jedem Augenlid wuchs ein Strauch mit grünen Blättern. Bodhidarma kostete davon, seine Müdigkeit verschwand und er fühlte sich auf wundersame Weise gestärkt. Für Tee und Augenlid hat die japanische Schrift ein und dasselbe Schriftzeichen.

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Japan:

»Er/Sie hat Tee in sich« ist in Japan ein grosses Lob. So werden kreative und schöngeistige Menschen bezeichnet, die ein hohes Mass an Einsicht, Gelassenheit und Lebenskunst in sich vereinigen. Im Jahre 801 n. Chr. sollen die Mönche Saicho und Kukai die ersten Teesamen von China nach Japan geschmuggelt haben. Bald versah man den Teegenuss mit einer bis ins Detail festgelegten Zeremonie und dem Stilbegriff »Teeismus«, der im 15. Jahrhundert entstand. Er bezeichnet die fast religiöse Verehrung der Japaner für den Tee, die Kunst, die sich mit dem Teekult verband, aber auch den Glauben an die durch die Teezeremonie erreichbaren Zustände wie Reinheit, Harmonie, Ehrfurcht und Stille.

Urlaub vom Alltag: Vor der japanischen Teezeremonie
wäscht man sich die Hände- eine symbolische Geste
dafür, dass man Staub und Hektik des Alltags hinter
sich lässt.

Die Teezeremonie wurde in den Zen Klöstern entwickelt. Denn die Zen-Meister erkannten, dass auch die Teezubereitung eine wertvolle Übung auf dem Weg zur Erleuchtung sein konnte. So entstand der »Teeweg«. Später wurde er als Mode vom Adel aufgenommen. Im 16. Jahrhundert breitete er sich rasch aus, als der Shogun Toyotomi Hideyoshi Teezeremonien unter freiem Himmel abhielt.

Die klaren und einfachen Formen des Teeambientes, das von Teemeistern entwickelt wurde, prägten auch viele andere Bereiche des kulturellen Lebens Japans, wie beispielsweise die Architektur, Gartenkunst und das Gebrauchsdesign. Der japanische Schriftsteller Okakuro Kakuzo schreibt in seinem 1906 erschienenen »Buch vom Tee«: »Der Teekult wurde bei uns mehr als nur eine Idealisierung der Form des Trinkens; er ist eine Religion der Lebenskunst.« Tee genoss in Japan eine grosse Verehrung: Im 1 7. Jahrhundert wurde für den Teetransport aus dem Spitzenanbaugebiet Uji nach Tokio eine prozessionsähnliche Veranstaltung abgehalten. Bevor der Tee, der vorwiegend für den Hof bestimmt war, auf die Reise ging, säuberten Diener die Wege. Und der Tee erhielt eine eigens gezimmerte Urne, vor der die Menschen niederknieten.

Am Fuss des Fujiyamas (3'776 m) wird auch heute
noch Tee angebaut. (Foto um 1900).

Neben den strengen Teezeremonien zum Zwecke der Erlangung höheren Bewusstseins veranstaltete der Adel aber auch ausgelassene Teezusammenkünfte mit anschliessendem Festgelage und gemeinsamem Bad. Daneben gab es Teewettspiele, bei denen die Teilnehmer von einer Vielzahl von Teeproben Sorte und Anbaugebiet erraten mussten. In der Gegenwart findet man in Japan sämtliche Varianten des Teegenusses: Es gibt Teeschulen mit Teemeistern, die Teetrinken als geistige Übung und Kunstform praktizieren. Daneben werden lockere Teetreffen organisiert, bei denen musiziert wird. Natürlich gibt es auch in Japan die schlichte Tasse Tee am Morgen, aber auch zur Verdauung nach dem Essen.

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England (Europa):

Den ersten Tee importierten die Holländer im Jahr 1 61 0 nach Europa. Er war grün, denn China produzierte fast nur grünen Tee. Über 50 Jahre waren die Holländer die einzigen Tee-Importeure, die ganz Europa mit dem Kultgetränk versorgten. Im Londoner Coffeehouse »Garraway's« wurde 1 657 zum ersten Mal Tee verkauft. Die portugiesische Prinzessin Catharina von Braganza heiratete 1662 König Karl II. und brachte ihre Begeisterung für Tee an den englischen Hof.

Die königliche Teestunde war geboren - und die Bürger folgten dem Beispiel. 1669 stiegen die Engländer ins Geschäft ein, alle Tee-Importe liefen nun über die von ihnen gegründete »East India Company«. Ihr Monopol hielt sich bis 1 833. Die Einfuhr von China-Tee stieg von 32 Kilo anno 1 670 auf 1 200 Tonnen im Jahre 171 l, die geschmuggelte Ware nicht mitgerechnet. Doch Tee und England - das war von Anfang an mehr als nur ein Geschäft. Die Engländer liebten Tee nicht nur, sie machten ihn zu einem Teil ihres Wesens: Teetrinken gehört zum Englischsein.

Gelöste Stimmung beim Five o'cklock tea in privater
Atmosphäre: Gemälde von Julius Leblanc Stewart (1855-1919)

Als die ersten Schiffe mit Tee an Bord im Hafen von London anlegten, waren freilich die Regeln der Teezubereitung in der Stadt wenig und auf dem Land noch gar nicht bekannt. Es ist überliefert, dass die Witwe des Herzogs von Monmouth ihren Verwandten in Schottland ein Paket mit Tee schickte und die Köchin dort die Blätter aufbrühte, das Wasser wegschüttete und das Ganze als Spinat servierte. Bis ins 1 8. Jahrhundert war Tee sehr teuer und blieb deshalb über hundert Jahre lang vorwiegend ein Getränk der feinen Gesellschaftskreise. Das wurde erst anders, als die Engländer das Handelsmonopol der Chinesen brachen.

China hatte den Handel strengen Regeln unterworfen. Ausländer durften das Land nicht betreten, Kaufleute wurden sozusagen »draussen vor der Tür«, in Kanton, dem einzigen Auslandshafen, von Händlern abgefertigt. Alle Waren mussten in Silbermünzen bezahlt werden, was zu einem hohen Devisenabfluss bei den Briten führte. Kompensationsgeschäfte kamen erst zustande, als die Engländer Opium aus ihrer indischen Kolonie nach China lieferten und dort unter der Hand verkauften oder gegen Tee eintauschten. Als die chinesische Regierung die Einfuhren von Opium aus England stoppen wollte, kam es zum »Opiumkrieg« (1839-1842), einem Handelskrieg, bei dem man im wesentlichen um Tee stritt.

Dabei erkämpften sich die Briten Hongkong, die Öffnung von fünf chinesischen Häfen und die Abschaffung des Handelsmonopols für Tee, das zuvor die Händler von Kanton besassen. In der Zwischenzeit hatten die Briten Anlass zu der Hoffnung, gänzlich von China unabhängig werden zu können. Es mehrten sich nämlich die Anzeichen dafür, dass das Teepflänzchen auch in ihren Kolonien gedeihen würde. In Indien waren die Pflanzversuche erfolgreich verlaufen.

Etwas Entscheidendes fehlte den Engländern allerdings noch: Sie wussten nicht, wie man aus den grünen Blättern Tee herstellt. Um das herauszufinden, wurde der britische Botaniker Robert Fortune nach China geschickt. Als chinesischer Kaufmann verkleidet, betrieb er in den Teegärten des Reichs der Mitte eine Frühform von Industriespionage. Seine detaillierten Aufzeichnungen über Anbau- und Fabrikationsmethoden waren nicht nur von grossem Wert für die Teewirtschaft, sondern es waren darüber hinaus einige der wenigen Berichte, die das Abendland über das geheimnisumwitterte China erhielt. Das ausspionierte Wissen machte den Weg frei für Englands Alleingang in Sachen Tee.

Der Teehändler Horniman war einer der
ersten, der abgepackten Tee verkaufte.

Eine Kolonie nach der anderen wurde mit Teeplantagen überzogen: erst Indien, dann Ceylon, dann Afrika. Während die Chinesen traditionell hauptsächlich grünen und kaum schwarzen Tee produzierten, machten es die Engländer in ihren Kolonien genau umgekehrt. Sie stellten nur noch kräftigen, schwarzen Tee her. Damit schufen sie etwas Eigenes, wodurch sie sich von China unterscheiden konnten. Daneben passte schwarzer Tee aber auch besser zum europäischen Appetit auf Süssigkeiten. Zucker, Zitrone, Milch, Kekse und Kuchen vertrugen sich ausnehmend gut mit schwarzem und entscheidend schlechter mit grünem Tee. Wahrscheinlich zog man in Europa auch die kräftig braune Aufgussfarbe der grünlich blassen des chinesischen Tees vor.

Braun kannte man vom Bier, und das war immerhin ein ausgewachsenes Getränk. Daneben erschien ein grüner Aufguss den Europäern möglicherweise als noch nicht ausgegoren und weckte Erinnerungen an aufgebrühtes Heu. Warum schwarzer Tee letztlich den europäischen Geschmacksnerv besser traf als grüner Tee, ist nicht genau zu klären. Sicher ist allerdings, dass die europäische Präferenz für schwarzen Tee dazu führte, dass China-Tee um die Jahrhundertwende fast völlig vom Weltmarkt verdrängt wurde.

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Amerika:

Das bekannteste historische Ereignis in Zusammenhang mit Tee trug sich in Amerika zu: Unter dem Begriff »Boston Tea Party« kann man es in jedem Geschichtsbuch im Kapitel über die amerikanischen Unabhängigkeitskriege finden. Nach dem Siebenjährigen Krieg war die britische Staatskasse leer, und zur Aufbesserung der miserablen Finanzsituation besteuerte das englische Parlament 1765 alle Waren, die in die amerikanische Kolonie geliefert wurden. Nach Textilien und Eisenwaren war Tee das wichtigste Gut, das Amerika von England importierte. Als Reaktion auf die englische Steuerpolitik beschloss Amerika den Boykott britischer Waren.

Boston Tea Party: Als Indianer verkleidete Männer
warfen am 16. Dezember 1773, 342 Kisten Tee ins Wasser.

Am 16. Dezember 1 773 stürmten als Mohikaner verkleidete Anhänger einer Freimaurerloge drei Schiffe im Hafen von Boston und warfen die Teeladung ins Meer. Der Streit um die Besteuerung von Tee beschleunigte den Weg Amerikas in die Unabhängigkeit. Er veränderte damit nicht nur die Welt, sondern wahrscheinlich auch die Trinkgewohnheiten der Amerikaner. Denn die ersten Siedler waren eingefleischte Teetrinker - und heute ist Amerika eine Nation von Kaffeetrinkern.

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Deutschland (Europa):

Teetrinken war in Deutschland wie überall in Europa zuerst ein Privileg des Adels und der begüterten Kreise. Denn Tee hatte einen hohen Preis: Er konnte nur in geringen Mengen importiert werden, und es dauerte bis zu acht Monaten, ehe eine Schiffsladung aus China in Europa angelangte. Hinzu kam, dass sich die Händler mit dem neuen Heissgetränk eine goldene Nase verdienen wollten: Der Jesuitenpater Alexandre de Rhodes berichtete nach seinem China-Aufenthalt empört, dass Holländer denselben Tee, den sie in Kanton für ein paar Sous gekauft hatten, in Paris für dreissig Franc an den Mann gebracht hatten. Von Anfang an galt Tee in Deutschland nicht nur als exotisches Genussmittel, man verschrieb ihn auch als Medizin gegen Blähungen, Magenverstimmung und Gicht.

Werbung von früher !

In einem um 1700 veröffentlichten Naturmedizinbuch mit dem Titel »Vollständige Natur- und Materialien-Kammer« werden in Reimformzahlreiche Wirkungen des Tees gepriesen, unter anderem folgende: »Hast Du Not von vielen Winden / Ist der Darm so voll gepfropft / Die Passage ist verstopft / Dass der Ausgang nicht zu finden / Recipe Edlen Thee / Der wird besser als Clystieren / auf den rechten Weg es führen.« Die Redewendung »Abwarten und Tee trinken« soll ebenfalls von der Verwendung des Tees als Heilmittel herrühren. Ein Schafhirte und Kräuterheilkundiger namens Heinrich Ast hat dieses Sprüchlein angeblich seinen Patienten am Ende der Behandlung mit auf den Weg gegeben.

Cornelius Bontekoe (1647-1685), Leibarzt von Brandenburgs »Grossem Kurfürsten« Friedrich Wilhelm, war von der Heilwirkung des Tees derart überzeugt, dass er allen Ernstes empfahl, davon bis zu hundert Tassen täglich zu trinken. Bontekoes Begeisterung und seine hohe Meinung vom Tee hat nach Ansicht der Historiker viel dazu beigetragen, dass das Getränk aus China schnell bekannt wurde und in gutem Ruf stand.

Doch nicht alle teilten die Euphorie des Medikus. Liselotte von der Pfalz (1652-1 722), die Schwägerin von Ludwig XIV., beobachtete die Einführung und Verbreitung des Tees mit kritischer Distanz und reichlich Spott. Sie schrieb vom Hof des Sonnenkönigs in Paris an eine Freundin; »Thee kombt mir vor wie Heu und Mist, mon Dieu, wie kann einen vernünftigen und gesund empfindenden Menschen sowas Bitteres und Stinkendes Freude bereiten?« Die unglückliche Liselotte und ihre Zeitgenossen tranken in erster Linie nur grünen Tee. Schwarzen Tee lernten erst ihre Urenkel Ende des 1 9. Jahrhunderts kennen, als die Engländer in die Teeproduktion einstiegen und in ihren Kolonien ausschliesslich schwarzen Tee herstellten.

In unzähligen Schriften hatten die alten Chinesen die anregende Wirkung des Tees auf den Geist gepriesen. Und diesen Ruf genoss der Tee auch in Deutschland. Ein Ausdruck davon war, dass er zum Getränk von Geselligkeiten der Kunst- und Kulturszene, der Salons wurde. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden die sogenannten »Teegeselligkeiten« oder »literarischen Teetische«. Beim Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe gab es Einladungen zum »grossen Tee«. Eckermann schreibt am 1 4. Oktober 1823 in sein Tagebuch: »Diesen Abend war ich bei Goethe das erste Mal zu einem grossen Tee. Die Gesellschaft gefiel mir, es war alles so frei und ungezwungen, man stand, man sass, man scherzte, man lachte . . . Goethe ging bald zu diesem und zu jenem und schien immer lieber zu hören und seine Gäste reden zu lassen, als selber viel zu reden.« Ein Mittelpunkt von Weimars elitärer Teekränzchenszene war Johanna Schopenhauer (1766-1838).

Die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer zog 1 806, nach dem Selbstmord ihres Mannes, von Hamburg nach Weimar und veranstaltete dort Teetische, bei denen sich literarische und andere Prominenz die Klinke in die Hand gaben. Neben Goethe gehörten die Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Christoph Martin Wieland, Ludwig Tieck und Fürst Pückler zu ihren Gästen. »Was die Besucher im Hause Schopenhauer erwartete, war eine Schule liebenswerter Geselligkeit, die sich von der höfischen Etikette absetzte. Gespräche und Vorträge überwogen, daneben wurde musiziert, gezeichnet - im Empfangszimmer stand für Goethe stets ein Zeichentisch bereit - und gescherzt«, schreibt Verena von der Heyden-Rynsch in ihrem Buch »Europäische Salons«. 

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Tee durch die zunehmende Konkurrenz auf dem Weltmarkt entscheidend billiger. Er war nun auch für die einfachen Leute erschwinglich. In den dreissiger Jahren kam der Fünf-Uhr-Tee in Mode. Bei Tee und Gebäck konnte man in den Cafés und Salons der grossen Hotels das Tanzbein schwingen. Mit einem breitgefächerten Angebot an aromatisierten Tees wurde in den siebziger Jahren das Teegeschäft in Schwung gebracht. Teetrinken erlebte eine sanfte Renaissance durch die junge Generation. »Ökos«, Freaks und die Anhänger der alternativen Szene diskutierten bei Vanilletee und in von Räucherstäbchen vernebelten Räumen über die neuen frauen- und friedensbewegten Zeiten. Zur Öko-Szene gehörten Teeschälchen und Tonkannen mit Stövchen genauso wie Birkenstock-Sandalen und selbstgestrickte Pullover. Sie gehörten zu den Zeichen, mit denen man seine Zugehörigkeit zu dieser Szene demonstrierte.

Teeläden, die früher nur in den Haupteinkaufsstrassen der Grossstädte eine Überlebenschance gehabt hatten, schossen überall aus dem Boden, es gab sie plötzlich in Vororten, Kleinstädten und um die Ecke.

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Die Ostfriesen:

Es gibt zwei Hypothesen, die die Leidenschaft der Ostfriesen zum Teetrinken zu erklären versuchen: Zum einen machen heisse Getränke rauhes Klima erträglicher, und zum anderen führte die schlechte Qualitätdes Trinkwassers dazu, dass Wasser nur in abgekochtem Zustand oder in Form von Bier genossen werden konnte. Johann Haddinga schreibt in seinem »Buch vom ostfriesischen Tee«, dass die Versorgung mit geniessbarem Trinkwasser in ländlichen Gebieten noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zu wünschen übrig liess. Durch mangelhaftabgedichtete Brunnen und die »Verschmutzung des Wassers durch tierische und pflanzliche Relikte« habe das Trinkwasser oft muffig gerochen, schmutzig ausgesehen, salzig und bitter geschmeckt.

Im Sommer breitete sich Paratyphus epidemieartig aus. In einem 1 934 verfassten Gutachten des Leerer Medizinalrates Otto Buurman steht: »Wir haben hier soviel Paratyphuserkrankungen wie wohl kaum in einem anderen Regierungsbezirk Preussens. Der Ostfriese hat instinktmässig gefühlt, dass die vielen Darmerkrankungen in irgendeiner Weise mit dem schlechten Trinkwasser in Verbindung stehen. Daher ist er dazu übergegangen, gekochtes Wasser zu trinken. Da Wasser aber viel zu fade schmeckt, setzte er Tee hinzu.« Wenn es also nur um den faden Geschmack gegangen wäre, hätten die Osftriesen dem Wasser genauso gut Kaffee zusetzen können. Wahrscheinlich zogen sie Tee vor, weil er den Ruf hafte, Erkältungskrankheiten vorzubeugen und zu heilen und damit besser zu dem rauhen Klima passte.

Werbung mit einem Schuss Exotik aus
den fünfziger Jahren.

Die Teeleidenschaft der Ostfriesen begann, bald nachdem die Holländer den ersten Tee zu ihnen gebracht haften. 1 753 starteten sie den ersten Direktimport. Nach 16 Monaten Fahrt landete das nach China entsandte Schiff »König von Preussen« mit 550000 Pfund Tee an Bord im Hafen von Emden. Der Alte Fritz wollte den Ostfriesen das Teetrinken verbieten. In seiner Verlautbarung aus dem Jahre 1 777 hiess es, dass die Ostfriesen Tee in so »barbarischen Mengen« schlürften, dass er gesundheitsschädlich sei und verboten werden müsse. Ausserdem müsse aufs schärfste getadelt werden, dass der Tee Männer und Weiber dazu verleite, täglich mehrere Stunden müssig zu sitzen. Doch die Ostfriesen wehrten sich dagegen und das Verbot trat nie in Kraft.

Die Ostfriesische Teegesellschaft Hinter diesem Namen verbirgt sich nicht etwa ein Verein, der die ostfriesische Teestunde besonders vollkommen zelebriert, sondern eine Teefirma mit weltweit 1 200 Mitarbeitern. Aus einem kleinen Teehandelsbetrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist einer der ganz Grossen geworden. Die OTG hat ihren Sitz in Seevetal südlich von Hamburg, und zu ihr gehören unter anderem die Teefirmen Messmer, Milford und Onno Behrends. 1906 wurde der Familienbetrieb von Laurens Janssen gegründet, zu einer Zeit, als Tee in Apotheken, Teefachgeschäften und Tante-Emma-Läden verkauft wurde.

Der Kaufmann Janssen belieferte seine Kunden mit einer eigenen ostfriesischen Mischung. Sein Enkel Laurens Spethmann setzte in den sechziger Jahren darauf, dass die Zukunft des Teegeschäfts in den Supermärkten liegen würde. Mit dieser Erkenntnis begann das Wachstum der kleinen norddeutschen Teefirma. Spethmann wollte nicht nur wie sein Grossvater eine ostfriesische Teemischung vertreiben, sondern noch andere schwarze Tees und Kräutertees für den Verkauf im Supermarkt liefern. Was ihm dazu fehlte, war ein passender Produktname.

Als er 1 966 von Freunden nach Southampton eingeladen wurde, kam die Lösung quasi auf ihn zu: Auf seiner Reise fuhr er durch einen Ort namens »Milford«. Da wusste er: Das war der Name, den er suchte. Er hielt am nächsten Postamt an und teilte den Namen seinen Anwälten mit. So vollzog sich innerhalb weniger Minuten die Taufe einer Teemarke. Heute werden unter dem Namen Milford Kräuter- und Früchtetees sowie schwarzer Tee europaweit vertrieben. Unter der Bezeichnung Messmer dagegen kommen vor allem erstklassige schwarze Tees, aber auch hochwertige Kräutertees und grüner Tee, sogar Plantagentees aus Darjeeling und Assam, in den Supermarkt.

Onno Behrends (seit 1 887) ist die Traditions-Teemarke Ostfrieslands mit dem für Ostfriesland typischen Angebot an Teesorten. Neben diesen in Deutschland bekannten Namen gehören noch die französische Teefirma Pages und die englische Teefirma Keith Spicer zur OTG. Und so kommt einiges zusammen: Alles in allem verkauft die OTG 24000 Tonnen Tee im Jahr.

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