Die belebende Wirkung der Kaffeebohne auf den menschlichen Geist wurde genauso zufällig entdeckt wie die heilenden Eigenschaften des Tees - nur mehr als tausend Jahre später. Auch beim Kaffee ranken sich viele fromme Legenden um die Art und Weise, wie das universelle Genussmittel in den Besitz der Menschheit gelangte. War es Allah selbst, der diese Wunderdroge bescherte? Nach der islamischen Legende soll der Erzengel Gabriel den Propheten Mohammed mit dem schwarzen Gebräu von seiner schweren Schlafsucht geheilt haben.
Schon ein paar Schlückchen vom Zaubertrank liessen Mohammed derart erstarken, dass er gleich vierzig Männer aus dem Sattel hob und in einer Nacht vierzig Jungfrauen in die Liebe einweihte. Weniger spektakulär ist die Geschichte von der Ziegenherde. In der Nähe des Klosters Schehodet im Jemen am Roten Meer wunderten sich zwei Ziegenhirten darüber, dass ihre Herde noch mitten in der Nacht fröhlich meckernd umhersprang und ihre Hüter um den Schlaf brachte. Mit Hilfe der Mönche fanden sie die Ursache: Die Ziegen knabberten an den roten und grünen Früchten eines bestimmten Strauchs. Die Mönche trockneten daraufhin die Beeren, zerstiessen sie zu Pulver und schütteten es in heisses Wasser. Sie kosteten den Sud und kamen als erste in den Genuss des muntermachenden Getränks.
Die Heimat des Kaffeestrauchs:
Im Hochland von Äthiopien (Abessinien), in den Bergwäldern des alten Königreichs Kaffa, liegt die Urheimat des Kaffeestrauchs. Dorf wurden die grünen Bohnen zuerst von den Nomadenstämmen gekaut. Ab dem 9. Jahrhundert, vielleicht auch schon früher, gewann man aus den Früchten dieser wildwachsenden Pflanze ein Getränk. Gut möglich, dass anfangs der gegorene Saft der Kaffeekirschen mit Wasser verdünnt getrunken wurde. Erst später entdeckte man, dass die zerstossenen Beeren viel ergiebiger zubereitet werden konnten und ungleich mehr Aroma hervorbrachten. Der berühmte persische Arzt und Philosoph Ibn Sina (Avicenna) soll die Wirkung des Koffeins als hervorragend stimulierendes Pharmakon schon 1015 erkannt und die Kaffeebohne als Heilmittel verwendet haben.
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| Zweig der Coffea
arabica. Stich um 1775 |
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Im 11. Jahrhundert pflanzten die Araber bereits Kaffee auf den künstlich bewässerten Küstenhängen des Roten Meeres. Im Jemen wurde die Kaffeebohne zum ersten Mal auf Steinplatten geröstet. Die Hafenstadt Mokka stand später Pate für den starken arabischen Mokka. Das Wort »Kaffee« leitet sich hingegen nicht von der Provinz Kaffa ab, sondern vom altarabischen qahwah. Ursprünglich war damit der Wein gemeint, der den gläubigen Moslems verboten ist. Die Türken nannten ihn kahweh. Wegen der anregenden bis leicht berauschenden Wirkung des Kaffees wurde dieser nun anstelle des vergorenen Traubensafts zum »Wein des Islam«. Alle Legenden um die magischen Kräfte der roten Beere haben einen wahren Kern: Der Islam betrachtete den Kaffee von Anfang an als Droge. Zunächst wurde der rabenschwarze Trank aus den gebrannten Kaffeebohnen bei den Gebetsstunden in den Moscheen getrunken.
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Der Türke als
Kaffeetrinker, |
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Für die Pilger, die zur heiligen Kaaba nach Mekka kamen, wurden im 15. Jahrhundert die ersten Kaffeeschenken eingerichtet, die sich Schulen der Weisheit nannten. Bald jedoch nahmen diese Kaffeehöhlen an den heiligen Stätten des Islam in Mekka und Medina überhand. Die Männer spielten dort Schach und Backgammon, rauchten unentwegt und führten lose Reden. Das erregte das Missfallen der Mullahs. Der »Teufelstrank« wurde von den Schriftgelehrten des Koran verboten, die »Kaffeehöhlen« geschlossen. Doch auch die Priester mussten bald einsehen, dass der Kaffee schon zu viele Anhänger unter den Moslems gefunden hatte. Selbst der Sultan von Kairo war ihm offenkundig verfallen, und er hob das Verbot auf.
Ausserdem waren die Kaffeehäuser bald eine lukrative Steuereinnahmequelle. Die Türken übernahmen nicht nur die Lehre des Propheten von den Arabern, sondern auch ihr liebstes Getränk: 1554 wurde in Konstantinopel das erste wirklich prächtige, mit Teppichen und Bildern geschmückte Kaffeehaus eröffnet, bald darauf auch eines im syrischen Damaskus. Erst die Türken machten aus der Zubereitung des Gebräus aus gerösteten Bohnen eine grosse Kunst.
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| Orientalisches Café um 1860 mit
Musikanten und Gästen, die Wasserpfeife rauchen. |
Die ersten Kontakte des Westens mit dem Getränk:
Reisenden aus dem Westen erschien das bitter schmeckende Heissgetränk zunächst noch als Kuriosum. Dem Augsburger Stadtphysikus Leonhard Rauwolf verdanken wir den ersten Augenzeugenbericht. In seinem 1582 veröffentlichten Buch »Reise in die Morgenländer« berichtet Rauwolf über die Trinksitten der Araber: »Unter andern habens ein gut getränck, welliches sie hoch halten, Chaube von jenen genennet: das ist gar nahe wie Dinten so schwartz und in gebresten sonderlich des magens gar dienstlich. Dieses pflegens am Morgen frü, auch an offnen orten . . . zu trinken, aus irdenen und Porcellanischen tieffen Schälein, so warm, alss sies könden erleiden . . . Zu dem wasser nemen sie Frücht bunu, die ausser Grösse und Farb schier wie die Lorbeer anzusehen ... Dieses trank ist bey ihnen sehr gemain ...«
Die Araber machten den Kaffeeanbau zum Staatsgeheimnis und wachten streng darüber. Sie verboten jede Ausfuhr keimfähiger Kaffeebohnen. Dennoch brachten reisende Händler und Kaufleute sie schon 1615 mit nach Venedig, dem Zentrum des damaligen Orienthandels. Auf dem Markusplatz wurde 1640 das erste Kaffeehaus Europas eröffnet. Selbst Papst Clemens VIII., den christliche Fanatiker aufforderten, den heidnischen Teufelstrank zu ächten, überzeugte sich lieber persönlich. Man brachte ihm eine Tasse duftend heissen Kaffee. Er trank sie und sprach: »Dieser Trank ist so köstlich, dass es eine Sünde wäre, diesen nur den Ungläubigen zu überlassen. Wir wollen den Satan bezwingen, indem wir den Trank taufen, um ihn so zu einem wahren Christengetränk zu machen.« Der Siegeszug der Kaffeebohne war nun nicht mehr aufzuhalten.
Ausbreitung des Kaffees in Europa:
Die exotischen Genussmittel Tabak, Schokolade, Tee und Kaffee gelangten im 17. Jahrhundert fast zeitgleich nach Europa. Bis dahin war der Handel mit der Kaffeebohne auf den islamischen Kulturkreis beschränkt. Und Kaffee wurde ausschliesslich im Hochland von Äthiopien und im Jemen angebaut. Jahrhundertelang hatten die Araber ihr Geheimnis gehütet. Keine einzige Kaffeebohne verliess die beiden Hauptausfuhrhäfen Mocha (Mokka) und Jiddah, ohne dass man sie mit heissem Wasser übergossen hätte, damit sie nicht mehr keimen konnte, falls sie in falsche Hände fiel. Doch die Mekkapilger verbreiteten die Kunde von Allahs Wunderfrank bis nach Indien, und türkische Händler brachten den Mokka bis an die Grenzen des Osmanischen Reiches.
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| Kaffee hatte einen solchen Stellenwert, dass sich Kurfürst Max III. Joseph von Georg Desmarées (1697-1776) mit einer dampfenden Kaffeetasse neben Graf Seeau abbilden liess. | |
Nach Europa gelangte der Kaffee damals auf zwei Hauptstrassen: im Süden über das Mittelmeer nach Venedig und Marseille und im Norden auf dem Seeweg nach London und Amsterdam. Die Zeitspanne von hundert Jahren zwischen 1650 und 1750 genügte, um aus dem alkoholfreien »Wein des Islam« eine bei allen Schichten Mitteleuropas heissbegehrte Alltagsdroge werden zu lassen. Denn die Eroberung der Welt war in vollem Gange. Nach dem Untergang der spanischen Armada im Jahre 1588 waren Holländer und Engländer zu den neuen Seemächten aufgestiegen; sie nahmen den Portugiesen den Handel mit Gewürzen und Genussmitteln ab. Und je mehr Europäer auf den Kaffeegeschmack kamen, um so heftiger bemühten sie sich auch, das Kaffeemonopol Südarabiens zu brechen. Um 1650 kostete ein Pfund »Cafe d'Arabie« in Paris immerhin über 1000 Mark nach heutigem Wert!
Europa bricht das Kaffeemonopol:
Als erster soll ein indischer Mekkapilger namens Baba Budan keimfähige Kaffeebohnen nach Südindien geschmuggelt haben. Die Holländer kamen 1618 in den Besitz einer fruchtbaren Kaffeepflanze. Schon 1658 begannen sie mit dem Kaffeeanbau auf Ceylon, dessen feuchtes Tropenklima die Kaffeepflanze viel besser gedeihen liess als im trockenen Jemen. Um 1700 gelang es ihnen, Kaffeesetzlinge erfolgreich und systematisch auf der Insel Java einzupflanzen. Sumatra, Bali, Timor und Celebes waren ihre nächsten Stationen. Schon 1706 erreichten die ersten Proben hochklassigen Java-Kaffees Amsterdam. Er wurde zum Nationalgetränk der Niederländer.
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| Kaffeeverkäufer in
den Strassen von Paris. Stich Ende 17. Jahrhundert. |
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Die zweite Niederlage der Türken vor Wien im Jahre 1683 gilt andererseits heute noch als Geburtsstunde der Wiener Kaffeekultur. Kaffeebäumchen wuchsen bald in botanischen Gärten und Orangerien überall in Europa. An den Fürstenhöfen kam der Kaffee in Mode. Der Gesandte des türkischen Grosswesirs hatte am Hofe des Sonnenkönigs Louis XIV. anno 1669 das türkische Kaffeezeremoniell eingeführt. Bald lernten die Hofdamen, wie man den heissen Mokka aus neuartigen Henkeltassen schlürfte. Louis XIV. konnte den ersten blühenden Kaffeebaum erst 1714 in seinem Jardin des Plantes in Versailles bewundern - ein Geschenk des Bürgermeisters von Amsterdam.
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| Kaffee-Ersatz-Packung, um 1910. | |
Von diesem Baum stammen alle Kaffeeplantagen der französischen Kolonien ab. Die ersten gab es auf der Insel Bourbon(La Reunion) im Indischen Ozean. Der Kaffeeanbau erreichte Südamerika. Um 1718 brachten die Holländer die Pflanze nach Surinam, um 1730 führten die Briten sie auf Jamaika ein, bald folgten Pflanzungen in Brasilien, Guatemala, Costa Rica und Mexiko. 1878 legten die Briten erste Kaffeeplantagen in Kenia an. Die Tropenpflanze wuchs inzwischen auf vier Kontinenten. Es ist eine bittere Ironie der Weltgeschichte, dass es vorwiegend Sklaven waren, die jenen Stoff produzierten, der zu den Wegbereitern bürgerlicher Freiheit in Europa wurde.
Die Auswirkungen des Kaffees auf die Gesellschaft:
Parallel zur Ausbreitung des Kaffeeanbaus im Tropengürtel veränderte der Kaffeegenuss das Alltagsleben der europäischen Gesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts rasant. Es war eine regelrechte Kulturrevolution. Bis dato nämlich hatte »König« Alkohol unangefochten geherrscht. Biersuppe war ein normales Frühstück, die Menschen schienen seit dem Mittelalter in einer Art Dauerrausch zu leben. Zurecht hat man deshalb den Kaffee wie auch den Tee als »grossen Ernüchterer« begrüsst. Anders als die Aristokraten, die darin bloss eine kurzlebige Mode sahen, erkannten die aufstrebenden Handelsherren, Schiffbauer und Fabrikbesitzer sehr bald den wahren Nutzen. Das erste englische Kaffeehaus eröffnete 1650 in Oxford.
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| Dekoratives Frühstücksgeschirr aus Porzellan. Um 1830. |
Wenige Jahre später schrieb ein gewisser James Howell: »Es ist erwiesen, dass der Kaffee die Völker nüchtern macht. Während Handwerker und Kaufmannsgehilfen früher Ale, Bier und Wein als Morgentrunk genossen und zu ernsthaften Geschäften unfähig wurden, haben sie sich jetzt an diesen wachhaltenden bürgerlichen Trank gewöhnt.« Er machte aus undisziplinierten Trunkenbolden wache, willige und pünktliche Arbeiter. So wurde der Kaffee zum nattürlichen Verbündeten des geschäftstüchtigen Bürgertums. Aber auch an Gegnern des »Mohrentrunks« hat es nicht gefehlt. Dass die Lobby der Kneipenbesitzer, Winzer und Branntweinverkäufer gegen ihn Sturm lief, kann man sich leicht vorstellen: Die wie Pilze aus dem Boden schiessenden Kaffeehäuser nahmen ihnen schliesslich die Kundschaft weg.
Aber auch die Ärzte und die Wissenschaftler waren nicht ausnahmslos Partisanen des Kaffees. Der grosse Naturforscher und Humanist Carl von Linne warnte als erster vor den Gefahren: »Deswegen könnte er (der Kaffee) bei denen für dienlich gehalten werden, welchen mehr darum zu tun ist, ihre Zeit als ihr Leben und ihre Gesundheit zu sparen, und die genötigt sind, bis in die Nacht zu arbeiten.« Londoner Frauen behaupteten 1674 in einer wütenden Petition gegen den Kaffee, dass er die Männer unfruchtbar mache. Historiker werteten dies vor allem als Beschwerde dagegen, dass die Frauen zunehmend vom öffentlichen Leben in den neuen Coffee Houses ausgeschlossen wurden. Im Lauf des 19. Jahrhunderts rückte der Kaffee zum Kolonialprodukt Nummer eins auf. Um 1780 verbrauchte Europa 65000 Tonnen Kaffee im Jahr, um 1850 hatte sich diese Menge bereits vervierfacht.